Stellungnahme 3
Die neue Gedenkstätte – Wo stehen wir 2026?
Der Prozess der Weiterentwicklung der Gedenkstätte verläuft sehr viel langsamer als erwartet, aber er schreitet voran und hat in den Jahren 2024 und 2025 manche unüberwindbar erscheinende (politische) Hürde genommen. So haben mittlerweile alle Kreis in Ostwestfalen-Lippe sowie die Städte Bielefeld und Schloß Holte-Stukenbrock zugestimmt, sich an den Betriebskosten der Gedenkstätte zu beteiligen. Auch 2026 stehen wichtige Entscheidungen an. Wir nehmen dies zum Anlass, über den aktuellen Stand zu informieren.
Die Gründung der Stiftung Gedenkstätte Stalag 326 gemeinnützige GmbH wird voraussichtlich bis Mitte des Jahres erfolgen. Der entsprechende Gesellschaftervertrag und eine Absichtserklärung (Letter of Intent) sind nach langwierigen Verhandlungen zwischen den zwölf beteiligten Gesellschaftern abgestimmt. Ein Konsortialvertrag, der darüberhinausgehende wichtige Details der Zusammenarbeit regelt, befindet sich in der Abstimmung.
Veröffentlicht wurde im Februar die öffentliche Ausschreibung „Realisierungswettbewerb: Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne in Schloß Holte-Stukenbrock“ (https://oeffentlichevergabe.de). Die Frist für den Eingang der Bewerbungen zum vorgeschalteten Teilnahmewettbewerb endete am 10.03.2026. Der Wettbewerb ist ein „nicht offener Wettbewerb mit vorgeschaltetem Auswahlverfahren“. Inzwischen steht das Ergebnis fest. Neben fünf gesetzten Bewerbergemeinschaften sind 10 durch ein anonymes Losverfahren ausgewählt worden (https://www.dhp-sennestadt.de/wettbewerbe/landschaftsverband-westfalen-lippe-lwl-gedenkstaette-stalag-326-vi-k-senne/). Zu den gesetzten Bewerbern zählt das Atelier Brückner aus Stuttgart, das 2020 schon die Machbarkeitsstudie erstellt hatte. Bau des Eingangsgebäudes, Sanierung der Bestandsgebäude, Landschaftsgestaltung und Szenografie sollen in der Hand eines interdisziplinären Teams liegen. Laut Ausschreibung ist die Inbetriebnahme der neuen Gedenkstätte zum Jahreswechsel 2032/33 geplant. Nach Beendigung des Wettbewerbs, das Preisgericht tagt im Juli 2026, muss der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), da er 2020 den Antrag für die neue Gedenkstätte beim Bund gestellt hatte, spätestens im September 2026 nun auch den finalen Antrag beim Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien in Berlin stellen, um die bereits 2020 bewilligten finanziellen Mittel rechtzeitig abrufen zu können.
Geplant für das Jahr 2026 ist zudem die Ausschreibung der Stelle der Gedenkstättenleitung. Sie soll gleichzeitig die Geschäftsführung der gemeinnützigen GmbH übernehmen. Der/die Leiter:in der Gedenkstätte wird nicht bei der gGmbH, sondern beim LWL angestellt. Darüber hinaus geht die Gedenkstätte einschließlich Grundstück in das Eigentum des LWL über. Beides war ein Zugeständnis an den LWL für die Bereitschaft, seinen Betriebskostenanteil an der neuen Gedenkstätte zu erhöhen. Dies war notwendig geworden durch einen politischen Kompromiss, den Landtagspräsident André Kuper mit der CDU-Kreistagsfraktion Gütersloh im Februar 2024 erreicht hatte und der zu einer Halbierung des Betriebskostenanteils für den Kreis Gütersloh führte.
Zum 1. Januar 2027 soll die Trägerschaft der Gedenkstätte nach gut 30 Jahren vom Förderverein Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne e.V. auf die Stiftung Gedenkstätte Stalag 326 gemeinnützige GmbH übergehen. Der Verein verfügt ab diesem Zeitpunkt über kein hauptamtliches Personal mehr . Es wird von der gGmbH angestellt. Die Übergabe der Trägerschaft der Gedenkstätte an die gGmbH mit all ihren Details muss gut vorbereitet und vertraglich geregelt werden. Dieser Prozess wird 2026 viele unserer begrenzten personellen Ressourcen binden.
Der Förderverein steht nach wie vor grundsätzlich hinter der Weiterentwicklung der Gedenkstätte und ihrer Übernahme durch die Stiftung Gedenkstätte Stalag 326 gemeinnützige GmbH. Neben seiner vielfältigen Gedenkstättenarbeit unterstützt der Verein, so gut es seine Ressourcen zulassen, den entsprechenden Prozess. Dazu finden weiterhin regelmäßige monatliche Gespräche mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe statt, in denen neben dem Informationsaustausch vorrangig Fragen der Übertragung der Gedenkstätte vom Förderverein an die gGmbH und der zukünftigen Rolle des Fördervereins in der neuen Gedenkstätte diskutiert werden. Als die Ausschreibung des oben erwähnten Realisierungswettbewerbs vorbereitet wurde, haben wir dem LWL unsere Vorstellungen zum Raumprogramm der neuen Gedenkstätte sowie zur Gestaltung des Außengeländes schriftlich vorgelegt. Auf den gesamten Prozess bezogen bleibt festzuhalten, dass die Einflussmöglichkeiten des Fördervereins sehr begrenzt sind. Gegenüber dem Hauptakteur LWL spielen wir eine untergeordnete Rolle. Gleichwohl betont der Antrag des LWL an den Bund aus dem Jahr 2020 die Bedeutung zivilgesellschaftlicher Initiativen für die heutige Erinnerungskultur sowie für die Forschung zum Schicksal von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter:innen. Im Antrag heißt es weiter: „Die Gedenkstätte wird daher zivilgesellschaftliche Gruppen in ihrer Arbeit unterstützen und ihr historisches Erbe in neuen Vermittlungsformaten noch stärker in die Öffentlichkeit bringen“ (S. 9).
Im Jahr 2026 ist der Förderverein nach wie vor Träger der Gedenkstätte Stalag 326 mit all den damit verbundenen Aufgaben. Die Basisfinanzierung erfolgt auch in diesem Jahr durch die Stadt Schloß Holte-Stukenbrock, den Kreis Gütersloh und die Landeszentrale für politische Bildung NRW. Die Stiftung Erinnerung Verantwortung und Zukunft (EVZ) fördert außerdem 2025/26 unser Projekt „MemoryMaker“, das sich mit dem Thema Kinder und Jugendliche im Stalag 326 beschäftigt. Das Projekt richtet sich an Schüler:innen und junge Erwachsene, die als Memorymaker multimediale Produkte für eine digitale Plattform erstellen und das Wissen an die nachfolgende Altersgruppe weitergeben sollen.
… ist Klarheit darüber, wie es für ihn ab dem 1. Januar 2027 weitergeht. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen dem neuen Träger und dem Förderverein im sogenannten Vorlaufbetrieb bis zur Eröffnung der neuen Gedenkstätte? Zuletzt hatten wir in einem Positionspapier vom 18.09.2024 angeboten, das Alltagsgeschäft nach entsprechenden Vereinbarungen so lange fortzuführen, bis die gGmbH auch dieses vollständig übernimmt. Dies würde bedeuten, dass die gGmbH die entstehenden Sachkosten des Gedenkstättenbetriebs für den Förderverein übernehmen müsste. Vom Alltagsgeschäft entlastet, könnte sich das sukzessiv neu eingestellte Personal zunächst vorrangig der Realisierung der neuen Gedenkstätte widmen.
Fest steht schon heute, dass der Förderverein stimmberechtigter Gesellschafter der gGmbH wird. Die Mitgliederversammlung hat im August 2025 dem Beitritt zur Gesellschaft einstimmig zugestimmt. Ein nächster Schritt wird die Anpassung unserer Satzung sein, an der der Vorstand derzeit arbeitet. Überlegt werden muss weiterhin, wie der Verein ab 2027 seine Aktivitäten finanzieren will. Auch die Diskussionen um das Selbstverständnis des Vereins gehen weiter. Bereits im März 2021 hatte der Vorstand ein Positionspapier „Zur Zukunft des Fördervereins Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne e.V.“ vorgelegt. Es wurde den Mitgliedern des Vereins vorgestellt und diskutiert. Die aktuellen Diskussionen im Vorstand drehen sich um die zentralen Begriffe Gedenken, Zivilgesellschaft und plurale Erinnerungskultur.
1. Gedenken
Das Erinnern und Gedenken an die Opfer des Stalag 326 steht seit je her im Mittelpunkt der Arbeit des Fördervereins und der Gedenkstätte. Gemeinsam mit anderen haben wir dazu beigetragen, die Opfer auf dem Ehrenfriedhof sowjetischer Kriegstoter zu identifizieren und so den Angehörigen ein Trauern am konkreten Ort zu ermöglichen. Das Leitmotiv unseres verstorbenen, ehemaligen Vorsitzenden Werner Busch, „Den Mensch in den Vordergrund stellen“, erinnert uns aus humanitärer Sicht daran, die Geschichte des Stalag 326 nicht als abgeschlossenes Kapitel zu betrachten. Denn Verlust, Schmerz und Trauer leben in den Nachkommen weiter.
Das Gedenken sehen wir auch in der Zukunft als unser Hauptbetätigungsfeld an. Dies beinhaltet, weiterhin zur Klärung individueller Schicksale beizutragen, persönliche Begegnungen mit den Nachkommen, Trauerbegleitung und gemeinsames Erinnern und Gedenken zu ermöglichen, sowie ihren Erinnerungen und Familiengeschichten in einem „offenen Archiv“ in der Gedenkstätte Raum zu geben. Letzteres ist angeregt durch ein Projekt der Künstlerin Sigrid Sigurdson in der „Bibliothek der Generationen“ im Historischen Museum Frankfurt am Main. All dies soll beitragen zur Völkerverständigung und -versöhnung vor allem auf nichtstaatlicher Ebene. Wir wollen dies weiterhin kooperativ mit allen Menschen, Initiativen und Vereinen tun, die sich ebenfalls in der Erinnerungskultur engagieren.
2. Zivilgesellschaft
Wir stehen mit unserem Engagement in der neuen Gedenkstätte für eine starke plurale und demokratische Zivilgesellschaft. Erinnerungskultur wie der Kulturbereich insgesamt bedürfen mehr denn je einer starken und engagierten Zivilgesellschaft. Um mit dem leider viel zu früh verstorbenen Historiker Habbo Knoch zu sprechen: „Keine Erinnerungskultur ohne Zivilgesellschaft.“ Als zivilgesellschaftlicher Akteur bringt der Förderverein seine Expertise, seine Kontakte und Erfahrungen in die neue Gedenkstätte und die gGmbH ein. Dabei sieht er sich auch zukünftig im Austausch mit staatlicher Geschichtspolitik.
Das zivilgesellschaftliche Erbe unseres Vereins zu bewahren und im Sinne einer pluralen Gesellschaft weiterzuentwickeln, sind für uns wichtige Ziele. Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass sich die Gedenkstätte als ein inklusiver, für alle Bürger:innen offener Bildungs- und Begegnungsort begreift, der Raum gibt für kritisches, reflexives Geschichtsbewusstsein, für Demokratiebildung und -entwicklung.
3. Plurale Erinnerungskultur
Der Förderverein steht für eine die Diversität unserer Einwanderungsgesellschaft anerkennende, inklusive Erinnerungskultur. Dafür treten wir auch in der neuen Gedenkstätte ein und unterstützen entsprechende Bestrebungen. Neben den Angehörigen der Opfer des Stalag 326 bekämen so auch Menschen mit Migrationsgeschichte die Möglichkeit, sich mit ihren familiären Erfahrungen mit der NS-Zeit und dem Zweiten Weltkrieg, aber auch mit aktuellen Gewaltgeschichten von Unterdrückung und Verfolgung, Krieg und Flucht sowie mit ihren Erfahrungen von Rassismus und Diskriminierung in die Erinnerungskultur hier vor Ort einzubringen. Wir könnten so ganz verschiedene Geschichten und Erfahrungen, unterschiedliche Formen der Erinnerung und des Gedenkens in Beziehung setzen und diskutieren. Das böte, mit der Journalistin und Autorin Charlotte Wiedemann gesprochen, die Chance, „den Schmerz der anderen (zu) begreifen“, ohne irgend ein Leid welcher Opfergruppe auch immer zu relativieren oder die Präzedenzlosigkeit des Holocaust infrage zu stellen. Das wäre ein wichtiger Baustein für eine lebendige, von Empathie und Solidarität getragene plurale Erinnerungskultur hier vor Ort in Schloß Holte-Stukenbrock.
Falls Sie uns und unsere Arbeit unterstützen wollen, freuen wir uns über eine Spende oder einen Vereinsbeitritt.
Entsprechende Informationen finden Sie hier: Förderverein
Schloß Holte-Stukenbrock, 19. März 2026
Dr. Burkhard Poste
Vorsitzender Förderverein Gedenkstätte
Stalag 326 (VI K) Senne e.V.



